Intuitiv essen und leben: Mein Weg raus aus der Essstörung

Yvonne Gottschlich früher und heute

In diesem Blogpost teile ich meine eigene Geschichte mit dir. Der Beitrag ist der persönlichste, den ich wahrscheinlich jemals geschrieben habe oder schreiben werde. Aber es ist mir unglaublich wichtig, dir zu zeigen, dass das Thema Essen auch für mich nicht immer unbeschwert war. Ich möchte dir damit vor allem Hoffnung und Inspiration geben, und den Mut, etwas in deinem Leben zu verändern.

Wie ich begann, ein gestörtes Essverhalten zu entwickeln

Meine Geschichte.. Tja, wo fange ich da an? In meiner Kindheit und frühen Jugend hatte ich ein ganz unbeschwertes Verhältnis zum Essen. Ich war immer sehr dünn und konnte essen was ich wollte ohne zuzunehmen. Ich konnte Essen genießen, aber gleichzeitig spielte es keine große Rolle in meinem Leben. Ich aß einfach intuitiv.

Das änderte sich schlagartig, als ich 15 wurde und ein Arzt mir aus gesundheitlichen Gründen (Holy shit!) die Pille verschrieb. Von da an musste ich Essen nur angucken und nahm zu. Mein Körper wurde zunehmend weiblicher und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich plötzlich darauf achten muss, was ich esse. Ich fing an, mich mit Kalorien, Nährstoffen und Gewicht zu beschäftigen. Ich ging jeden Tag auf die Waage und notierte mir mein Gewicht in einem kleinen Notizbuch. Dazu schrieb ich mir jeden Tag auf, was ich gegessen hatte. Ich ließ das Frühstück ausfallen, trank nur noch einen Iced Latte und hungerte mich durch den Schultag. Manchmal hielt ich nicht durch. Ich wurde schwach und kaufte mir ein Käsebrötchen am Schulkiosk. Und damit war der Tag eigentlich gelaufen. Jetzt war sowieso alles egal.

Und so gab es „gute“ und „schlechte“ Tage. An guten habe ich sehr wenig gegessen, vor allem Salat und Knäckebrot. An schlechten Tagen ist alles aus dem Ruder gelaufen und ich habe gegessen, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Konsequenz: Ich nahm zu. Ich war zwar weit davon entfernt, dick zu sein, aber ich habe mich nicht wohlgefühlt.

„Ich habe gegessen, als gäbe es kein Morgen mehr.“

Bulimie: Wenn das Essen zum Problem wird

Ich weiß nicht mehr genau wie und wo, aber irgendwann bin ich darauf gekommen, dass das Essen ja nicht in mir bleiben muss. Dass man das Essen ja auch rückgängig machen kann, indem man sich den Finger in den Hals steckt. Ich möchte euch die Details hier ersparen, aber so bin ich nach und nach in die Bulimie gerutscht. Meine komplette restliche Jugend bestand aus essen, kotzen und hungern. Ich habe riesige Mengen an Süßigkeiten in meinem Zimmer deponiert und innerhalb von Minuten in mich reingestopft, wenn ich allein war. Kurz danach habe ich mich übergeben und eine riesige Last in von mir gefallen. Das Essen und Erbrechen ist zur Sucht für mich geworden. Ich habe all den Druck und Stress, der sich in mir aufgebaut hat, damit abgebaut. Manchmal habe ich auch fünf Tage lang nichts gegessen. Ich war dann wie in einem High.

Und es klingt komisch, wenn ich das so schreibe, aber: Die Bulimie war meine beste Freundin. Mein größter Lebensinhalt. Es war krank, aber ich habe es geliebt, meinen Körper und mein Gewicht auf diese Weise kontrollieren zu können. Es war ein Gefühl von Macht und Überlegenheit.

„Die Bulimie wurde meine beste Freundin.“

Über einen relativ langen Zeitraum habe ich einfach akzeptiert, dass das jetzt mein Leben ist. Ich wusste, dass Bulimie eine Krankheit ist, aber ich wollte nichts dagegen tun. Es war eine Sucht, die ich nicht loslassen wollte. Natürlich haben meine Eltern irgendwann mitbekommen was los ist. Haben sich unendliche Sorgen gemacht, auf mich eingeredet und meine Mutter hat mich zu einer Selbsthilfegruppe geschleppt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht wollte, dass sie wegen mir leiden, aber ich war noch nicht bereit, die Bulimie aufzugeben. Womit sollte ich mein Leben ohne sie füllen? Da war doch sonst nichts… Außerdem war ich mir sicher, dass ich so tief drin steckte, dass man mir eh nicht mehr helfen kann.

Der Tiefpunkt: Hat Wasser wirklich keine Kalorien?

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen absoluten Tiefpunkt. Es war während einer Fastenperiode. Ich hatte seit mehreren Tagen nichts gegessen und konnte nachts nicht schlafen. Ich bin mitten in der Nacht aufgestanden, habe mich auf den Fußboden gesetzt und Wasser aus einer Plastikflasche getrunken. Und plötzlich ist irgendwas in mir durchgedreht. Ich fing an zu zittern und zu weinen und war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob Wasser wirklich keine Kalorien enthält. Wie eine Wahnsinnige untersuchte ich das Etikett der Flasche. 0 Kalorien. Natürlich. Ich weinte, weil ich in diesem Moment zum ersten Mal so richtig erkannt habe, dass ich ein Problem habe.

Ich habe zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht, mir Hilfe zu suchen. Aber irgendetwas in mir hat sich noch gesträubt. Ich war noch nicht bereit, meine Krankheit, meine kleine kranke Welt, die ich mir geschaffen habe, loszulassen. Ich war zu dem Zeitpunkt kurz vor dem Abitur und beschloss, dass ich erstmal ausziehen und mit dem Studium beginnen wollte. Irgendwie hatte ich den naiven Glauben, dass vielleicht alles besser wird, wenn ich erstmal in einem anderen Umfeld bin.

Ich war noch nicht bereit, meine Krankheit loszulassen.“

Das war natürlich nicht so. Obwohl ich in eine WG gezogen bin und selten alleine war, lebte ich die Bulimie weiter aus. Ich aß und erbrach und hungerte. Ich fing an, exzessiv Sport zu treiben, um zusätzlich Kalorien zu verbrennen. Ich trank viel Alkohol und ließ dafür Mahlzeiten ausfallen. Ich hasste meinen Körper und behandelte ihn dementsprechend schlecht. Irgendwann hat sich meine Speiseröhre so entzündet, dass ich ständig Halsschmerzen hatte. Hinzu kamen häufige starke Magenschmerzen. Und plötzlich habe ich erkannt, dass es so nicht weitergehen kann. Dass ich etwas ändern muss. Dass ich mein Leben nicht mehr länger an mir vorbeiziehen lassen will. 

Der Wendepunkt: Ich muss etwas ändern!

Ich hatte das große Glück, dass meine Mutter bei einer Krankenkasse arbeitete und mich darin unterstützt hat, so schnell wie möglich einen Therapieplatz zu bekommen. Und so begab ich mich im Sommer 2009 für zwei Monate in eine Fachklinik zur Behandlung von Essstörungen. Als ich in die Klinik kam, war ich mir sicher, dass ich meine Essstörung nie ganz loswerden würde. Dafür war ich einfach zu tief drin und sie war ein zu großer Teil meines Lebens.

Zwei Monate später, als ich die Klinik verließ, war ich ein anderer Mensch. Mithilfe toller Therapeutinnen, der Unterstützung durch eine wunderbare Therapiegruppe und meinem starken Willen gelang es mir, aus dem Teufelskreis auszubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Ich brach mein Studium ab, zog in eine andere Stadt und fing nochmal von vorn an. Ich ging weiterhin einmal wöchentlich zur Therapie und arbeitete an meinen Herausforderungen im Alltag. Ich fand heraus, was meine Trigger sind und wie ich besser damit umgehen kann.

Yvonne beim Kochen
Die Therapie lief so gut für mich, dass ich für die letzten 2 Wochen in eine Wohngruppe ziehen durfte, in der wir einige Mahlzeiten selber zubereitet haben. Ich habe die Freude am Kochen entdeckt und in kurzer Zeit viele Fortschritte gemacht, die ich zu Beginn der Therapie nie für möglich gehalten hätte.

Mein Leben normalisierte sich. Ich begann ein neues Studium, schloss neue Freundschaften, entdeckte neue Hobbys und fand meine Lebensfreude wieder. Ich hätte früher niemals gedacht, dass ich jemals wieder so ein Leben führen würde, aber es war möglich. 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals wieder so ein Leben führen würde, aber es ist möglich.“ 

Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht immer mal wieder schwierige Phasen gab. Es gab Rückfälle. Situationen, Tage, Wochen, in denen ich wieder in alte Muster zurückgefallen bin. Über viele Jahre gab es diese Momente. Aber sie haben sich anders angefühlt. Ich habe sehr genau gemerkt, wenn ich kurz vor so einer Phase war. Habe mit allen Mitteln und Tools, die ich über die Jahre gelernt hatte, dagegen angekämpft. Oft ist es mir gelungen. Manchmal auch nicht. Aber das war okay. Ich bin mit jedem Rückfall gewachsen und stärker geworden. 

Die Abstände zwischen diesen Phasen wurden immer größer und ich habe immer mehr zu mir gefunden. Ich habe viel an mir gearbeitet, mich selbst noch besser kennengelernt. Habe verstanden, wofür ich die Krankheit brauchte und habe immer mehr losgelassen. Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören. Sport zu machen, weil es mir Spaß macht und nicht, weil man dabei viele Kalorien verbraucht. Ich habe endlich verstanden, dass ich MIT meinem Körper arbeiten muss und nicht gegen ihn. Habe gelernt, wie stark ich bin, was mein Körper jeden Tag für mich leistet und dass ich ihm unendlich dankbar dafür sein kann, dass er mir all die Jahre, in denen ich ihn misshandelt habe, verziehen hat. 

Intuitives Essen: Ich höre endlich auf meinen Körper

Irgendwann habe ich das intuitive Essen für mich entdeckt. Ich habe mir antrainiert, auf körperliche Signale zu hören. Habe gelernt zu erkennen, welche Bedürfnisse hinter dem Essensdrang stecken und wie ich diese befriedigen kann. 2016 habe ich die vegane Ernährung für mich entdeckt. Und zwar nicht als einen Weg, meine Lebensmittelauswahl einzuschränken und meine Ernährung zu regulieren. Sondern als etwas, das ich aus tiefster Überzeugung mache. Weil es sich richtig anfühlt (aus ethischer und ökologischer Perspektive) und vor allem, weil es meinem Körper unfassbar gut tut. Ich hatte plötzlich viel mehr Energie, habe super viele neue Lebensmittel und Rezepte entdeckt und hatte richtig Freude am Kochen und Essen. Diese Ernährungsweise habe ich bis heute beibehalten.

„Ich habe gelernt zu erkennen, welche Bedürfnisse hinter dem Essensdrang stecken und wie ich diese befriedigen kann.“

Fast forward ins Jahr 2022: Ich kann heute mit Stolz sagen, dass es mir noch nie so gut ging wie jetzt. Ich bin gesund, ich bin fit, ich sprühe vor Energie und Lebensfreude. Ich liebe es zu kochen und zu essen. Ich vertraue komplett in meinen Körper und gebe ihm genau das, was er gerade braucht. Ich liebe gesundes Essen und genauso liebe ich Schokolade und Pizza. Ich erlaube mir alles. Manchmal verspüre ich Heißhunger, aber ich weiß genau, wie ich damit umgehen kann. 

Ich habe mich in den letzten Jahren sehr viel mit mir selbst auseinandergesetzt. Mit meinen Glaubenssätzen, meiner Kindheit, meinen inneren Überzeugungen, meinen Erfahrungen. Rückblickend verstehe ich vieles besser. Und ich bin dankbar. Ich bin dankbar für meine Essstörung, weil sie mich so Vieles gelehrt hat. Sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich bin stark, weil ich sowas erlebt habe. Und ich weiß mein Leben zu schätzen. Ich gehe für mich los. Ich falle hin und ich stehe auf. Aber ich LEBE mein Leben. Ich fühle mich lebendig. Und ich lerne jeden Tag dazu und wachse.

Wie mein Weg zu meiner Mission geworden ist

Und ich habe meine Mission gefunden: Ich will Frauen dabei unterstützen, wieder ein liebevolles Verhältnis zum Essen, zu ihrem Körper und zu sich selbst zu entwickeln. 

Ich will dir helfen, wieder in deinen Körper und in dich selbst zu vertrauen. Aufzuhören gegen dich selbst zu kämpfen und darauf zu warten, dass sich irgendwann irgendwas ändert, wenn du nicht selbst dafür losgehst. Ich helfe dir, die Kraft deiner Intuition zu entdecken und ihr zu folgen. Intuitiv essen, dich intuitiv bewegen, intuitiv leben. Die Verbindung zu deinem Körper wiederherzustellen. Die Leichtigkeit wieder zurückzugewinnen. Das Leben wieder in vollen Zügen genießen zu können. Ohne Verzicht, kreisende Gedanken ums Essen, schlechtes Gewissen und Selbstzweifel. Wieder bei dir ankommen. Zurück in deine Kraft kommen und endlich wieder zu sehen, was alles für dich möglich ist.

Denn wenn wir tief in diesen kreisenden, destruktiven Gedanken und Gewohnheiten stecken, sehen wir manchmal das Licht nicht mehr. Wir sehen nicht mehr, dass es auch anders gehen kann. Wir sehen nicht mehr, dass wir diesen Weg jederzeit verlassen und einen anderen einschlagen können. 

Warum es so wichtig ist, sich Unterstützung zu suchen

Und genau da setze ich an. Ich helfe dir, eine andere Perspektive einzunehmen. Mal von oben auf deine Situation zu schauen und wieder zu sehen, wo eine Kreuzung ist, auf der du abbiegen kannst. Zu sehen, was alles möglich ist, wenn du erstmal losgegangen bist. Weil ich selber weiß, wie es sich anfühlt, wenn man keinen anderen Weg mehr sieht. Und weil ich weiß, wie unfassbar wertvoll es ist, sich Unterstützung von außen zu holen. Und zwar nicht erst an dem Punkt, an dem ich es getan habe. 

„Ich helfe Frauen, wieder ein liebevolles Verhältnis zum Essen, zu ihrem Körper und zu sich selbst zu entwickeln.“

Du kannst JETZT etwas ändern. Du musst nur bereit dazu sein, Altes loszulassen, um Platz für Neues zu schaffen. Diätgedanken, Verbote oder ein bestimmtes Körpergewicht loszulassen. Und dich dafür zu öffnen, voll und ganz in deinen Körper zu vertrauen – auch, wenn du erstmal nicht weißt, was dann passiert. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass es sich lohnt. Erst, als ich endlich losgelassen habe, hatte mein Körper die Chance, das Gewicht zu erreichen, das richtig für mich ist. Seit meiner Therapie, seit inzwischen 13 Jahren, wiege ich fast immer gleich viel. Aber das Wichtigste daran ist, dass es mir egal ist, wie viel ich wiege. Seit 13 Jahren habe ich keine Waage mehr und wiege mich nur, wenn ich zu Besuch bei meinen Eltern bin. Und das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.

Ein Leben im Einklang mit dem Körper, intuitives Essen, Sport aus Liebe zur Bewegung, eine tiefe Verbundenheit mit mir selbst – all das möchte ich nie wieder hergeben. Und ich wünsche mir, dass auch du das erleben kannst. 

Ich hoffe, dass meine Geschichte dich inspiriert und dir den Mut gibt, etwas zu verändern und für dich loszugehen. Denn alles ist möglich, wenn du nur den ersten Schritt machst.

YvonneGottschlich_Ernährungscoach_für_Vielbeschäftigte
Hey, ich bin Yvonne!

Als Ernährungs- und und Emotionscoach unterstütze ich Frauen dabei, wieder ein liebevolles und gesundes Verhältnis zum Essen, zu ihrem Körper und vor allem zu sich selbst zu entwickeln. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, die dich zurück in deine volle Kraft bringen und dir mehr Energie, Lebensfreude und Selbstvertrauen schenken.

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